Foto: Walliser Bote
Foto: Walliser Bote

Gewappnet für die Krise. Christian Randegger ist Kriseninterventionstrainer, Notfallseelsorger und Mitautor des «KrisenKompass».

Zweitägige Weiterbildung

 

Wenn Kinder und Jugendliche von Gewalt und Tod betroffen sind, dann wird es tragisch, intensiv und emotional. Zu diesem Thema besuchten die Oberwalliser Mediatoren am vergangenen Freitag und Samstag in St. Niklaus eine zweitägige Weiterbildung. Als Dozent zu diesem Thema war Christian Randegger geladen.

 

Wichtig für die Mediatoren sei es, dass die ganze Schule zusammenarbeite. Und zum Schluss müsse man auch stolz darauf sein, dass man die Krise überstanden hat. Für die Schule ist es aber wichtig, vorbereitet zu sein, bevor die Krise eintritt. Pro Jahr haben die Walliser Mediatoren rund 3000 Einsätze, weiss Bettina Bumann, Psychologin am Zentrum für Entwicklung und Therapie des Kindes und Jugendlichen (ZET).


BILDUNG | Christian Randegger schulte in diesem Jahr die Oberwalliser Mediatoren

 

«Das Bild des Himmels ist kontraproduktiv»

Umgang mit Gewalt, Unfall und Tod – dies war das Thema der Weiterbildung der Walliser Mediatoren. Der Kriseninterventionstrainer Christian Randegger spricht im Interview über Traumata, Verdrängung und wie Kinder mit dem Tod umgehen.

 

Christian Randegger, Kinder lösen viele Probleme auf ihre ganz eigene Art. Wie gehen Kinder mit Krisen um?

«Aus meiner Erfahrung gibt es nicht das eine Kind. Einige Kinder haben schon einmal eine Krise erlebt und versuchen sich so zu verhalten wie früher. Für andere ist es neu und sie werden blockiert, werden handlungsunfähig und sind traumatisiert. Wieder andere Kinder reagieren mit Aggressionen oder Rückzug.»

 

Erwachsene haben oftmals schon Handlungsmuster verinnerlicht und wissen, wie sie reagieren müssen. Ist das für Kinder, die zum ersten Mal in einer Krise sind und nicht wissen, wie sie sich zu verhalten haben, ein Vorteil?

«Eine erwachsene Person kann sich eher vorstellen, was auf sie zukommt. Wenn jemand stirbt, gibt es viel zu organisieren, es folgt eine Abschiedsfeier und vieles mehr. Ein Kind denkt je nach Alter, dass die Person vielleicht wieder zurückkommt. Je nach Entwicklungsstand wird ein Todesfall von einem Kind ganz anders interpretiert. Von aussen gesehen ist deshalb die Betroffenheit des Kindes ganz unterschiedlich.»

 

Und wie wissen wir, ob das Kind damit umgehen kann?

«Im Kindergartenalter etwa nimmt ein Kind das zur Kenntnis und geht wieder spielen. Wir denken, das Kind kann damit umgehen. Aber es versteht noch gar nicht die Tragweite des Todesfalls. Deshalb ist wichtig, dass die Eltern, die ein Handlungsmuster haben, auch merken, dass ein Kindergartenkind noch gar nicht ständig über den Tod reden will. Sie müssen es aber aufnehmen, wenn es vom Kind her kommt, und dann muss man bereit sein. Häufig werden die Kinder überfordert, die Eltern machen zu viel und wollen ständig drüber reden. Die Kinder haben das Anrecht auf trauerfreie Zeiten.»

 

Wie kann man einschätzen, ab welchem Zeitpunkt die Kinder das Erlebte richtig verarbeitet haben?

«Es gibt eine Phase von wenigen Wochen, da hat das Kind körperliche und seelische Reaktionen. Die kann man beobachten und das ist auch normal. Mit der Zeit sollte das abnehmen. Wenn ein Kind nach einigen Wochen immer noch Albträume hat, das Bett nässt oder Angstzustände hat, kann man sagen, dass sich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hat. Spätestens dann ist psychologische Hilfe nötig.»

 

Von aussen denkt man vielleicht, dass das Kind die Krise verarbeitet hat. Es könnte aber auch nur verdrängt sein.

«Es ist sehr gut möglich, dass man gar nicht merkt, dass ein Kind das Ereignis nur verdrängt hat, und das Ganze zu einem späteren Zeitpunkt wieder zum Thema wird. Durch einen Auslöser, zum Beispiel einen Geruch oder Lärm, kommt das Unverarbeitete wieder hoch und der Betroffene fühlt sich wieder hilflos wie während des Ereignisses. Da das jederzeit passieren kann und unkontrolliert ist, ist es sehr belastend. Man muss lernen, damit umzugehen und es dadurch zu verarbeiten.»

Eine unverarbeitete Krise wird also zum Trauma?

«Drei Leute können das Gleiche erleben. Bei dem einen macht es nichts, obwohl es ein allenfalls traumatisierendes Erlebnis ist und diese Person ein paar Tage belastet. Und bei dem anderen wächst eine posttraumatische Belastungsstörung heran. Die meisten verarbeiten eine Krise aber unbeschadet.» 

 

Durch einen Todesfall entsteht in jedem Schüler und Lehrer eine persönliche Krise. Eine besondere Herausforderung für die Mediatoren?

«Holt man externe Notfall-Leute hinzu, sieht man nur das, was in dem Moment gerade passiert. Die Mediatoren arbeiten aber mit den Lehrern zusammen und die kennen die Lehrer, wie sie früher waren und wie sie sich plötzlich anders verhalten. Das ist ein grosser Vorteil für die Mediatoren. Man muss unterscheiden zwischen den Leuten, die mit dabei waren, also Augenzeugen. Und denen, die nur vom Hörensagen die Krisen kennen. Die Letzteren brauchen klare Fakten, dass sie sich nicht fantasieren, wie der Unfall war. Und die Augenzeugen müssen die schlimmen Bilder verarbeiten können.» 

 

Bei Todesfällen versucht man auch mit Bildern zu arbeiten und sagt dem Kind, der Hamster ist jetzt im Himmel. Inwiefern nützt der Himmel? Oder ist es nur eine Ausrede, um der harten Wahrheit nicht ins Gesicht zu blicken?

«Ganz im Gegenteil. Das Bild des Himmels, das sonst positiv konnotiert ist, ist sogar kontraproduktiv. Man muss dem Kind erklären, dass der Hamster nicht mehr atmet, dass das Herz nicht mehr schlägt und er nicht mehr lebt. Das Tier ist tot und tote Tiere werden bei uns begraben. Wir müssen dem Kind zwar in seinem Verständnis den Tod erklären. Aber: Wir müssen den Kindern reinen Wein einschenken. Und nicht verharmlosen und umschreiben.»

 

Also soll man auch nicht sagen, dass die Seele jetzt im Himmel ist?

«Für ein Kind ist es schwierig, etwas unter einer Seele zu verstehen. Niemand ist je aus dem Himmel zurückgekommen. Deshalb bleibt es schlichtweg eine Glaubensaussage, dass die Verstorbenen im Himmel sind. Und in diesem Kontext ist es überhaupt nicht nützlich.»

 

Eine Krise hinterlässt immer Spuren. Kann man überhaupt sagen, dass man eine Krise richtig gelöst hat?

«Eine Krise ist dann gelöst, wenn man mehrheitlich den Normalbetrieb aufrechterhalten kann. Das heisst kleinere Erinnerungsimpulse haben nicht zur Folge, dass man eine Stunde drüber reden muss. Aber: Es hängt auch von der Funktion der Person hat. Ist es ein Schüler oder ein Lehrer? In einem tragischen Todesfall muss man mindestens ein ganzes Jahr durchspielen und alle Feiertage erleben. Und erst dann kann man sagen, dass die Krise den Betrieb nicht mehr nachhaltig stört. Narben gibt es aber immer.»

 

Mathias Gottet, Walliser Bote, Quelle: https://www.1815.ch/news/newsletter/wb/das-bild-des-himmels-ist-kontraproduktiv/